„Schlechte Arbeit fällt nicht einfach vom Himmel“

Abschluss der Kooperations-Veranstaltungsreihe „(Un-)Würdige Arbeit“[1]Der Text ist eine von W. Nienhüser leicht bearbeitete, um Literaturhinweise ergänzte Version der Pressmitteilung des Könzgenhauses. Danke an Sarah Dunkel.

Schlechte Arbeit ist politisch gewollt – das war eine der Kernerkenntnisse der Kooperationsveranstaltung von KönzgenHaus, Halterner Forum für Demokratie, Respekt und Vielfalt, KAB Bildungswerk Münster und KAB Bezirksverband Recklinghausen.

In den vorherigen Veranstaltungen der Reihe wurde an konkreten Fällen die Situation von Arbeitenden in der Fleischindustrie, in Pflegeberufen und bei Lieferdiensten beleuchtet. Wie ist es um die Würde der Arbeit in unserer Gesellschaft bestellt? Wie sind die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten? Welche Probleme drängen besonders?

Die Abschlussveranstaltung am 17. Juni stand unter dem Motto „Würdige Arbeit – Solidarische Gesellschaft“ nun die Analyse der menschenrechtlichen Folgen und die Voraussetzungen würdiger Arbeit im Vordergrund.

Die Experten Prof. Dr. Gerhard Bosch (Universität Duisburg-Essen) und Prof. Dr. Franz Segbers (Universität Marburg) diskutierten, wie würdige Arbeit aussieht und wie wir diese politisch und gesellschaftlich erreichen können. Beide fanden deutliche Worte zur aktuellen Situation; so stellte Franz Segbers fest, dass prekäre Arbeitsbedingungen eben nicht einfach vom Himmel fallen – vielmehr sei schlechte Arbeit politisch gewollt und eine Folge des Neokapitalismus. Die Hinnahme von „Unwürdiger Arbeit“ bezeichnet er als Ausdruck der Verachtung von Menschenrechten.

Auch Gerhard Bosch prangerte an, dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr und mehr Unternehmen still und heimlich vom deutschen Sozialmodell verabschiedet hätten: Tätigkeiten wurden und werden mehr und mehr in günstigere Subunternehmen ausgelagert, Tarifverträge und Gewerkschaften seien nicht mehr gewollt, Betriebsratsgründungen und Mitbestimmung verhindert. So bekomme mittlerweile nur noch jede*r Zweite Lohn nach Tarif; fast 50 Prozent der Beschäftigten erhalte einen Lohn, der einseitig vom Unternehmen festgesetzt wird. „Geht es so weiter, sind es in zehn Jahren nur noch ein Drittel aller Beschäftigten, die nach Tarif bezahlt werden. Wir verlieren die soziale Mitte.“ Allgemeinverbindliche Tarifverträge – das sei die Hauptaufgabe, die wir verfolgen müssten, um diesen Trend aufzuhalten: „Es ist unsere Aufgabe, ein System herzustellen, dass die würdige Arbeit sichert.“

„Arbeit muss wieder Vorrang haben vor dem Kapital!“ Diese alte Forderung der katholischen Soziallehre will Franz Segbers wieder in den Fokus rücken: „Wir hatten mal bessere Bedingungen – die sind verschlechtert worden. Jetzt müssen wir Terrain zurückgewinnen.“ In der Pflicht: Gewerkschaften und Sozialverbände, so der Konsens des Abends. Diese müssten als „Aussäer“ fungieren und eine Debatte darüber führen, wie ein gerechtes Wirtschafts- und Arbeitsmodell aussehen kann.

Der heftige Sinkflug der Gewerkschafts-Mitgliedszahlen in den vergangenen zwanzig Jahren sei immerhin gestoppt, so Diskussionsteilnehmer und Gewerkschaftler Mark Rosendahl; jetzt müsse man wieder und weiter genau da ansetzen, wo es beispielsweise „Fridays For Future“ gezeigt hätte: „Soziale Bewegung ist ein wichtiger Motor, ohne ändert sich einfach gar nichts!“

KönzgenHaus-Geschäftsführer Norbert Jansen stimmte zu: „Wir haben momentan ein Organisationsproblem – ein Imageproblem. Nicht nur die Gewerkschaften, sondern alle größeren Organisationen. Ob in den Gewerkschaften, Parteien, bei den Sozialverbänden, auch in der KAB – es sind soziologische und pädagogische Fragen, die wir jetzt in den Fokus nehmen müssen, um neue Mitglieder zu gewinnen.“ Die wichtigste Frage, die sich dann herauskristallisierte: Wie kommen die Gewerkschaft denn jetzt zu neuen Mitgliedern?

Mit der Diskussion über die Möglichkeiten von steuerrechtlichen Vorteilen oder der Herausstellung der großen Bedeutung im öffentlichen Diskurs wurden Antwortversuche gestartet, die demnächst tiefgründiger behandelt werden sollen; denn auch wenn diese Kooperations-Veranstaltungsreihe an dieser Stelle endet, steht die nächste schon in den Startlöchern, verkündeten die Moderatoren des Abends, Prof. Dr. Werner Nienhüser von der Universität Duisburg-Essen und Ortrud Harhues, Leiterin des KAB-Bildungswerkes Münster: „Schlechte Arbeit wird gemacht. Und alles, was von Menschen gemacht wird, ist auch veränderbar. Wir sind noch lange nicht fertig mit diesem Thema und dem Nachdenken darüber.“, so Harhues zum Abschluss.

Erleben Sie den Abschluss unserer Veranstaltungsreihe noch einmal mit:

Zum Nachlesen: Literaturhinweise / ausgewählte Texte der Referenten

Anmerkungen

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1 Der Text ist eine von W. Nienhüser leicht bearbeitete, um Literaturhinweise ergänzte Version der Pressmitteilung des Könzgenhauses. Danke an Sarah Dunkel.

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