„Jeder muss von seiner Arbeit leben können“ – Bericht über die Buchlesung mit Julia Friedrichs

Pressebericht über die Veranstaltung am 8. September:

Würdige Arbeit mit Respekt vor jeder Arbeits- und Lebensleistung:

„Jeder muss von seiner Arbeit leben können“

Lebhafte Diskussion bei der Buchvorstellung von Julia Friedrichs im Könzgenhaus

HALTERN AM SEE. „Endlich wieder eine Veranstaltung mit richtigen Menschen“ freute sich die bekannte Bestseller-Autorin und Grimme-Preisträgerin Julia Friedrichs im Halterner Könzgenhaus auf gemeinsame Einladung des Halterner Forums, der KAB und des Könzgenhauses. Nach ungezählten Online-Veranstaltungen während der Pandemie konnte sie mit 40 Anwesenden und 5 online Zugeschalteten nach ihrer einleitenden Buchlesung ein bewegendes Thema lebhaft diskutieren: „Für Millionen in Vollzeit Berufstätige bleibt ein Leben in sozialer Sicherheit ein Traum, weil sie von ihrer Arbeit nicht leben können und zu den 50% Menschen in Deutschland gehören, die kein nennenswertes Vermögen besitzen.“

Mit der Metapher der gerissenen Achilles-Sehne bei einem Fußballer von Werder Bremen sah Julia Friedrichs das einigende gesellschaftliche Band gerissen oder überdehnt. In ihrem neuesten Buch mit dem Titel „Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ (mehr zum Buch und zur Autorin auch hier und hier: https://www.juliafriedrichs.de) geht sie den Ursachen nach und schildert eindrucksvoll das persönliche Schicksal einiger von ihr begleiteter Personen in prekären Dienstleistungstätigkeiten, denen während der Pandemie noch Beifall gezollt wurde und die nun wieder in Vergessenheit geraten.

Kein Auskommen trotz Vollzeitarbeit

Die Fallschilderungen von Julia Friedrichs machten betroffen: Ein Ehepaar, beide Musikschullehrer auf Honorarbasis und mit Privatunterricht, die trotz gehobener Bildung, Studium und Promotion mit  jeweils 1.600 € Monatseinkommen für die 4-köpfige Familie kaum über die Runden kommt. Der ungelernten U-Bahn-Reiniger Said: „Nach Outsourcing des Reinigungsdienstes muss er in 40 Minuten pro Bahnhof Abfälle, Schmutz, Erbrochenes, Exkremente und Urin beseitigen. „Er erhält für die Heimwege nicht einmal eine Freifahrt mit der U-Bahn, sondern muss ein Monatsticket für 130,- € erwerben.“, schildert Julia Friedrichs.

Bei 10,56 € Brutto-Stundenlohn (angefangen hatte Said mit 7 bis 8 €) und erzwungener Absenkung von 40 auf 35 Wochenstunden kommt er auf 1.600 € brutto. Dennoch verrichtet er seine Arbeit mit Stolz und Würde und will „keine Almosen vom Staat“, vermisst aber den Respekt und die Anerkennung derjenigen, für die er tätig ist. Während sein Vater mit Migrationshintergrund als Ungelernter noch mit einem Gehalt seine Familie ernähren konnte, hält dieser dem Sohn vor: „Mit deinem Gehalt hätte ich mir nicht einmal den Hintern abgewischt; schade, dass deine Frau mitarbeiten muss.“

Von den nach 1980 Geborenen verdient heute die Hälfte weniger als ihre Eltern, wie Ökonomen untersucht haben. Julia Friedrichs: „Die Aussage, die Kinder werden es einmal besser haben, gilt längst nicht mehr.“ Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die überwiegend von ihrem Vermögen leben, in den letzten 20 Jahren um 70 Prozent an. Und das eine hängt laut Friedrichs mit dem anderen zusammen und verschärft sich durch den Rückzug der Sozialstaatlichkeit.

„Jeder kämpft für sich“

Die 10 Millionen Mindestlöhner in Deutschland, von denen über 3 Millionen weniger als 2000,-€ brutto im Monat trotz Vollzeitarbeit erhalten, bilden laut Julia Friedrichs eine prekäre Dienstleistungsklasse. Die neue „Working-Class“ empfindet sich laut Julia Friedrichs nicht als Gruppe mit gemeinsamen Interessen, sondern „jeder kämpft für sich“ und ohne gewerkschaftlichen Schutz. „Was ihnen als „persönliches Versagen“ erscheint, hat aber in Wirklichkeit gesellschaftliche und politische Ursachen“. Viele Betroffene haben sich deshalb von den Parteien und der Politik enttäuscht abgewendet. „Politiker kommen mit solchen Menschen kaum in Kontakt und auch die Journalisten kommen fast durchweg aus der Mittelschicht, so dass die Betroffenen keine wirkliche Lobby haben und auch in Parlamenten nicht vertreten sind“, konstatiert Julia Friedrichs. Die wohlhabende „goldene Generation“ der heute 70-jährigen habe sich mit ihren Privilegien zu wenig um die nachkommende Generation gekümmert, so ihr Vorwurf.

In der angeregten Diskussion, die Herbert Bludau-Hoffmann als ehemaliger Gewerkschafter von ver.di in NRW moderierte, ging es deshalb vor allem um die Fragen der politischen Problemlösung, zu denen höhere Mindestlöhne, verbindliche Tarifverträge, Vermögensbildung und die Wiederbelebung betrieblicher Sozialleistungen gehören. Norbert Jansen vom KönzgenHaus wies darauf hin, dass in der katholischen Soziallehre schon lange einige Lösungswege bekannt sind, auf die man sich besinnen sollte und die aktualisiert werden müssten. Von der kontrovers diskutierten Idee des bedingungslosen Grundeinkommens bis hin zur hilfreichen Kindergrundsicherung „als Quantensprung“ und der kostenlosen Daseinsfürsorge beim Besuch von KiTa und Bildungseinrichtungen, der kostenlosen ÖPNV-Nutzung für Kinder nach dem Vorbild von Berlin sowie kostenloser Eintritt in Freibad, Zoo u.a. reichten die Vorschläge. Aber auch Mietsenkungen, steuerliche Erleichterungen und Änderungen im Erbrecht und viele weitere Maßnahmen seien erforderlich. Andere Diskussionsteilnehmer stellten hierbei auch die politische Machtfrage.

„Kinder armer Eltern nicht in Mithaftung nehmen“

Seit Jahrzehnten werde die anhaltende und ansteigende Kinderarmut in Deutschland beklagt, ohne politische Abhilfe zu schaffen, wurde bemängelt. „Kinder dürfen nicht in Mithaftung genommen werden durch Armut ihrer Eltern“, betonte Julia Friedrichs. Obwohl sie seit 2008 mehrere Bücher zur Problematik der ungleichen Vermögensverteilung und mangelnden Teilhabe veröffentlicht hat sowie als Filmemacherin mit ARD und WDR in 2018 eine Filmreihe dazu erstellte, habe das zwar zu Einladungen in Talk-Shows, Spiegel-Interviews und Gesprächsrunden mit Annalena Baerbock und Olaf Scholz geführt. Letzterer fordert „Respekt für jede Arbeits- und Lebensleistung“.

Eigentlich hätten die Betroffenen in die Talkshows eingeladen werden müssen. Dass allein durch ein Buch positive Veränderungen eintreten, stellte die engagierte Autorin in Frage. Sie sei weder Sozialarbeiterin, noch Politikerin oder Gewerkschafterin, hoffe aber, dass sie als Reporterin zumindest Anstöße und Anregungen zum Handeln auslösen könne. Viele Teilnehmer erwarben deshalb das aufrüttelnde Buch und ließen es von der Autorin im Könzgenhaus signieren.

FOTO : Die Veranstalter mit der Autorin, von links nach rechts: (Klaus-Dieter Amtmann, KAB-Bezirksverband), Herbert Bludau-Hoffmann (Halterner Forum), Julia Friedrichs (Autorin) und Norbert Jansen (Könzgenhaus).

Die Veranstalter des Könzgenhauses, des Halterner Forums und des KAB-Bezirksverbandes Recklinghausen sowie des KAB-Bildungswerkes Münster haben zum Thema „Würdige Arbeit“ bereits mehrere Veranstaltungen gemeinsam durchgeführt (zu den prekären Arbeitsbedingungen in der Pflege, in der Fleischindustrie, bei den Paketdiensten und Online-Jobs) und werden das Thema weiter bearbeiten. Das Halterner Forum hat in Wahlprüfsteinen das soziale Thema auch an die Bundestagskandidaten herangetragen mit der Bitte um Stellungnahme. (Siehe auch www.forumdrv.de)

(Text: Wilhelm Neurohr)

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